Faszination Anatomie

[Thema vom: 24.12.2013]


Vertiefung anatomischer Kenntnisse anhand sezierter Leichen und Präparate

Der Mensch ist ein Wunderwerk der Natur. Unser Körper kann als Kunstwerk betrachtet werden, dessen Komplexität es uns ermöglicht sowohl körperlich als auch geistig Großartiges zu leisten. Die Lehre, die sich mit Bau und Form des Organismus Mensch auseinandersetzt, wird als menschliche Anatomie bezeichnet. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und besteht aus zwei zusammengefügten Wörtern. Diese bedeuten wörtlich übersetzt „auf“ und „Schnitt“. Zusammengesetzt ergibt sich daraus die Bedeutung „trennen“ beziehungsweise „zerschneiden“. Ein Facharzt für Anatomie betrachtet analytisch den genauen Aufbau des menschlichen Körpers und seinen Geweben. Dafür erforderliche Techniken sind unter anderem die Sektion (kunstgerechte Öffnung und Untersuchung der Körperhöhlen und ihrer Organe), die Präparation (kunstgerechte Bloßlegung und Trennung der Teile) und die Konservierung (kunstgerechte Erhaltung und Bewahrung biologischen Materials durch chemische Verfahren)

Selbstverständlich besteht der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur aus Fleisch und Knochen… Medizin und Therapie ist weit mehr als isoliertes Behandeln einzelner Strukturen. Dennoch, ein umfangreiches anatomisches Wissen über den menschlichen Körper ist die Basis für jeden Therapeuten - denn wer Menschen behandelt braucht fundierte anatomische Kenntnisse, schließlich muss man wissen was man behandelt. Inzwischen gibt es viele Anatomiebücher anhand derer man sich ein recht gutes Bild über unseren Körper verschaffen kann. Doch wenn man auch noch so viele anatomische Abbildungen und Beschreibungen aus unterschiedlichen Büchern gesehen und gelesen hat, richtig verstehen kann man Anatomie aus Büchern nur schwer. Wer „wahre“ Anatomie erleben will, muss anhand sezierter Leichen und Präparate sein Wissen vertiefen. Aus diesem Grund sind regelmäßige Weiterbildungen am Institut für Anatomie der medizinischen Universität Graz, ein fixer Bestandteil meiner Fort- und Weiterbildungen.

Das Faszinierende an Anatomie ist nicht zuletzt die Feststellung, wie einzigartig doch jeder Mensch ist – und zwar nicht nur rein äußerlich und charakterlich betrachtet. Auch in unserem Körper gibt es zum Erstaunen vieler Laien oft große Unterschiede. Es gibt unzählige Varietäten, die ein einziges Anatomiebuch niemals deutlich darstellen könnte. So haben beispielsweise einige Menschen Knochen, die andere nicht haben. Anderen wiederum fehlt ein Muskel, der in den meisten Fällen vorhanden ist. Auch die Lage, Form und Verlauf von Blutgefäßen und Nerven sind sehr oft ganz unterschiedlich ausgeprägt. Anbetracht dessen, bekommt der Begriff „normal“ eine völlig neue Bedeutung. In der Realität entspricht die menschliche Anatomie nur selten der idealisierten Lehrbuchanatomie. Die Normalität ist die Variabilität.
In diesem Sinne verabschiede ich mich mit den Worten von Univ. Prof. Dr. med. Andreas Weiglein. Vergangene Woche sagte er im Rahmen meines Besuches im Institut für Anatomie zu mir: “Ein Arzt ist zwar in der Lage mit präzisen, hochmodernen Maschinen zu operieren - aufgrund der unzähligen Varietäten, wird uns aber niemals ein Roboter ganz alleine operieren können.“ Ein, wie ich finde, in unsere Hightech-Gesellschaft sehr schöner und zugleich beruhigender Gedanke.


Übrigens:
Das Besondere am Institut für Anatomie in Graz ist ein spezielles Präparationsverfahren, das von der Anatomielegende Walter Thiel (1919 – 2012) über viele Jahrzehnte hinweg entwickelt wurde: Die sogenannte Thiel-Fixierung mit Ethylenglykol. Anders als bei der klassischen Formalin-Fixierung, die das Gewebe deutlich härtet, bleibt das Gewebe bei der Konservierungsmethode nach Thiel weich. Zudem bleiben auch die Konsistenz, die Beweglichkeit und die Farbe des Gewebes erhalten. Daher sind die Weiterbildungen am Institut für Anatomie in Graz immer ganz besonders lehrreich.